• Redaktion Haus der Senioren

"Empathie ist wichtig..."


Interview mit dem Gießener Neurologen und Psychiater Dr. Jürgen Rieke über die Notwendigkeit von Biografiearbeit in der Pflege. Dieses Interview ist erschienen im MITEINANDER, Ausgabe Herbst, 04.2016 (zum Heft).

Jürgen Rieke wurde 1943 in Rinteln an der Weser geboren. Er machte 1964 sein Abitur und studierte danach in Marburg bis 1969 Medizin, wo er auch seinen Facharzt in Neurologie und Psychiatrie machte und 1970 in der Gynäkologie mit einer experimentellen Arbeit promovierte.

1980 zog Rieke nach Gießen und ließ sich in der Universitätsstadt mit einer Praxis in der Frankfurter Straße nieder. Er praktizierte als Neurologe, Psychiater und Epileptologe. Durch seine rege Konsiliartätigkeit in nichtuniversitären Kliniken und Seniorenheimen und aufgrund seines Arbeitseifers erwarb er sich in den Einrichtungen den inoffiziellen Titel Mitternachtsdoktor. Gemeinsam mit der Gießener Psychologin Pamela Hirzmann gründete Rieke um die Jahrtausendwende Cognet (mehr dazu unter: www.cognet-giessen.de), ein Institut für Patienten mit Gedächtnisstörungen. Weitere Schwerpunkte waren die Parkinson-Krankheit und die vielen Formen der Epilepsie gerade auch im Alter. Zentraler Ansatz der Institutsarbeit war die Mischung aus neurologischer Diagnostik und psychiatrischer Beurteilung. Riekes Entscheidung für Neurologie und Psychiatrie hatte etwas mit seiner Liebe für Philosophie zu tun, wie er im Gespräch mit MITEINANDER selbst betont: „Meine Vorstellung war die: Wenn ich etwas über das Gehirn auf der einen Seite und die Seele auf der anderen Seite weiß – dann habe ich eine Chance, die Menschen zu verstehen. Menschen zu verstehen war mein Leitgedanke.“ In seiner Freizeit ist Rieke an Literatur, Philosophie und Malerei interessiert und leidenschaftlicher Tierfotograf. Zudem auch mit viel Herz und Liebe Großvater.

Dr. Rieke, in Ihrem Vortrag beim 10-jährigen Jubiläumsfest des Seniorenhauses Lumdatal Anfang August haben Sie über den Verlust sozialer Bedeutung im Alter gesprochen. Was meinen Sie damit? RIEKE: Das, was vielleicht am charakteristischsten ist, ist die Einmaligkeit jedes Menschen. Es gibt kein Alternativmodell zu diesem einen Menschen, mit seiner Erfahrung, mit der Art und Weise, wie er das Leben gemeistert hat, mit den Schwächen, den Enttäuschungen und Kränkungen, der Fülle des Glücks und des Erfolgs. Man muss die im Leben erlangte Würde nun vor dem betrachten, was im Alter passiert: Eine im Leben selbstverständliche Autonomie geht im Laufe des Alterungsprozesses oftmals vollständig verloren. Dieser Verlust mündet ein in die Pflegenotwendigkeit, weil man aus körperlichen, seelischen und geistigen Gründen vieles nicht mehr bewerkstelligen kann. Die Frage lautet daher: Wie schafft es ein älterer Mensch, trotz Verlustes seiner sozialen Kompetenz und Autonomie und trotz Pflegebedürftigkeit seine Lebenswürde zu bewahren?

Wie ist ihm dies möglich? RIEKE: Durch den Schatz an erlebten Erinnerungen, in Verbindung mit Biografiearbeit! Die Person, die hinter einer Lebensleistung steht, ist ein Mensch mit der Summe all seiner episodischen Erlebnisse – dies definiert seine Würde.

Ist im Alter dann nur noch ein Leben, welches durch Erinnerungen an die Vergangenheit geprägt ist, möglich?

RIEKE: Ich will es mal so ausdrücken: Würde ist unteilbar. Würde im Alter ist aber etwas, was man als Kind oder Jugendlicher noch nicht hat. Denn diese Würde hat etwas mit sozialer Kompetenz zu tun und mit einer erlangten Lebensleistung, auch mit einer Erinnerung daran.

Erhält die Beschäftigung mit der Biografie eines Gepflegten damit eine wichtige Bedeutung ? RIEKE: Es ist die größte Herausforderung der Menschen, die pflegerisch tätig sind. Eine Biografie hat Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Aus dieser Biografiearbeit leitet sich vieles ab: Der Respekt der Person und wie ich als Pflegender ihren Bedürfnissen gerecht werden kann. Um in Würde weiterleben zu können – mit oder ohne Störung des Gedächtnisses – benötigt man jemanden, der einem hilft, diese Würde aufrecht erhalten zu können. Die Aufrechterhaltung der Würde gelingt viel besser, wenn man den anderen in seinen Begabungen, seinen Fähigkeiten wahrnimmt. Das merkt das jeweilige Gegenüber.

Und das ist nun wichtig in der Pflege? RIEKE: Stützt der Betreuende Erinnerungen, kann der Gepflegte in diesen weiterleben. Wer dies in der Pflege schafft, der wird viel glaubwürdiger in seiner Pflegeleistung. Gute Fragen an einen älteren Menschen können viele Erinnerungen öffnen.

Nehmen Pflegende diese Würde denn nicht immer richtig wahr? RIEKE: Man muss sich bei der Pflege immer für das Gegenüber interessieren. Man sollte nicht sagen, dass das Gegenüber es vielleicht nicht versteht. Bei der Wahrnehmung des anderen ist Empathie von der ersten bis zur letzten Minute wichtig.

Empathie, Sie meinen das Einfühlungsvermögen? RIEKE: Empathie hat etwas mit unserer persönlichen Situation zu tun, mit unserer eigenen Vita. Empathie ist es auch, was uns begreifen lässt, was die Würde des anderen ausmacht.

Befindet sich ein alter Mensch quasi in einer biografischen Phase der „Vorbereitung auf den Tod“? RIEKE: Das Alter ist das Erreichen eines Weges, so, als erreiche man den Berggipfel. Es ist ein Abschluss, das Ende des Baues eines Hauses. Alle wünschen sich, alt zu werden. Aber dann erleben viele dieses Altwerden als Krise.

Sollte man gerade im hohen Alter über das eigene Leben und dessen Endlichkeit nachdenken? RIEKE: Vieles ändert sich im Laufe des Lebens. Als älterer Mensch hat man zudem andere Perspektiven als in jungen Jahren. Wertigkeiten ändern sich, Wünsche und Zielvorstellungen. Es gibt die gute Formulierung: In Würde sterben wollen!

Gehört das Sterben auch mit zur eigenen Lebensbiografie? RIEKE: Mit meinem Tod beende ich mich. Mit meinem Tod beende ich meine Biografie. Man wünscht sich, dass dies ein guter Abschluss ist.

Ein guter Abschluss? Was verstehen Sie darunter? RIEKE: (schmunzelt) Man sieht sich natürlich immer gerne in einem guten Licht, auch ohne Eitelkeit. Man möchte in den Augen anderer etwas gelten, gegebenenfalls auch als erfolgreich dastehen – selbst im Rentenalter. Man will zudem die einmal erworbene soziale Stellung aufrechterhalten.

Ist es nicht schade, wenn die Selbstwertschätzung von der Wertschätzung anderer abhängig ist? RIEKE: Es hängt davon ab: In meinem Beruf als Arzt erfährt man beispielsweise sehr viel Bestätigung, in anderen Tätigkeiten weniger. Wichtig ist dabei folgendes: Die Kopplung zwischen der beruflichen Tätigkeit und der sozialen Anerkennung ist durchaus eine gute Sache. Respekt anderer macht einen stärker. Negativ durch andere beurteilt zu werden, in welcher Form auch immer, kann der eigenen Seele schaden. Wertschätzung im besten Sinne des Wortes, ob bei der Arbeit, in der Familie oder im Freundeskreis, ist ein wichtiges Konstitutiv für die eigene Zufriedenheit.

Wieso heißt Biografiearbeit eigentlich Arbeit?

RIEKE: Arbeit ist dieser komplexe Vorgang deshalb, weil es eine strukturierte Form der Auseinandersetzung mit dem Gegenüber ist und auch sein soll: Es gibt Spielregeln, die man berücksichtigen muss. Es gibt Grenzen des Fragens. Eine Intimität des anderen, die gewahrt werden muss. Wenn Sie Menschen an Vergangenes erinnern, können verborgene Ängste aufbrechen. Man kann zudem zu oberflächlich, zu forsch, zu bohrend, zu verletzend fragen.

Können Sie ein Beispiel geben? RIEKE: Nehmen wir die Scham. Scham spielt bei der Pflege eine bedeutende Rolle. Man sollte dem anderen das Schamgefühl nicht nehmen, auch wenn man als Gepflegter Dinge zulassen muss, die man früher nie hätte zulassen wollen. Diese Spielregeln müssen Pflegende kennen und verinnerlichen. Und wenn man Empathie hat für sein Gegenüber durch die Erkenntnis, hier eine reiche Lebenspersönlichkeit vor sich zu haben, dann kann man diese Regeln besser nachvollziehen und in der Pflegepraxis umsetzen. Biografiearbeit als strukturierter Prozess mit bestimmten Regeln erreicht genau das.

Welche methodischen Ansätze gibt es überhaupt bei der Biografiearbeit? RIEKE: Wichtig ist, sich einen Überblick über normative Ereignisse zu verschaffen. Dadurch kann die Entwicklung des alten Menschen besser verstanden werden. Wo hat er gelebt, ist er ein typischer Stadtmensch oder auf dem Land groß geworden? Ist er eine Partnerschaft eingegangen?

Da können aber auch problematische Themen zum Vorschein kommen, oder? RIEKE: Sie haben Recht. Was bedeutet es, einen Partner zu verlieren, was verändert sich im Alltag? Was bedeutet es, als alter Mensch zu den Kindern zurückzukehren? Was, sich mit dem Ende des Lebens auseinanderzusetzen? Viele sprechen gerne über auch solche schwierige Themen und heikle Ereignisse, manche nicht. Man sollte es in jedem Fall versuchen, solche Ereignisse und damit zusammenhängende Themen anzusprechen, auch wenn sich jemand zuerst dagegen sträubt. Dies halte ich für eine ganz wichtige Aufgabe. Was aber dazugehört, ist: Vertrauen! Die Biografiearbeit ist dabei wesentlich: Sich in die Welt des andern einzuleben, ist nicht nur eine spannende Aufgabe, es entsteht auch Vertrauen – auf beiden Seiten.

Pflegekräfte sollen heikle Themen ansprechen? RIEKE: Das Bedürfnis nach Kommunikation auch heikler Themen ist größer als manche vielleicht glauben. Das entscheidende Werkzeug für den Zugang zum Menschen stellt das Kommunikationsangebot dar. Fragen Sie sich einfach selbst: Wie würde ich gerne in solch einer Situation behandelt werden? Wie würde ich mir das Gespräch wünschen? Dies scheint mir ein guter Gradmesser zu sein.

Kann denn das „Sterben“ ebenfalls Thema sein? RIEKE: Ja, kann es. Was man als jüngerer Mensch mühsam begreifen muss, ist, dass ältere Menschen meistens keine Angst vor dem Tod haben. Viele haben vielleicht Angst vor dem Sterben, aber nicht vor dem Tod. Hinzu kommt ein zusätzlicher Aspekt, den ich bei meiner Mutter ebenfalls erleben konnte: Lebenssattheit! Als junger Mensch scheint man nicht verstehen zu wollen, dass man irgendwann nicht mehr leben will. Früher dachte ich, dies sei eine rein philosophische oder religiöse Frage. Ich habe mich da aber geirrt.

Woher rührt dieser Begriff der Lebenssattheit? RIEKE: Es gibt keine Neugier mehr. Das Neue wird eher als nicht erklärbar, nicht verstehbar, nicht einsehbar empfunden. Das Neue überfordert eher mehr: Die Neugier nimmt im Laufe des Lebens ab. Die Abnahme der Neugier ist vielleicht Folge einer Lebenssattheit. Lebenssattheit drückt aus, dass mein Lebensgefäß bis oben gefüllt ist. Die Ernte ist eingefahren, quasi „mehr geht nicht".

Sollten solche Gespräche humorvoll sein? RIEKE: Humor ist für mich die kompletteste Form, sich empathisch zu verhalten. Den anderen zu erkennen in seiner Situation. Humor ist das Gegenteil von Ironie oder Sarkasmus, die Aggressionsformen darstellen, Humor nimmt in den Arm, beschützt, verletzt nicht, führt nicht vor.

Biografiearbeit erzeugt eine größere Nähe, liegen darin auch emotionale Gefahren? RIEKE: Ich habe eine dramatische Szene erlebt: Eine junge Betreuerin, noch keine 20 Jahre alt, hat die Betreute als Großmutter quasi „adoptiert“, die Ältere die junge Frau als „Enkelin“ wahrgenommen. Auf beiden Seiten gab es eine große Verantwortung: Beide passten aufeinander auf! Solche Konstellationen sind mir oft begegnet. Wichtig ist, in allen zwischenmenschlichen Bereichen eine Distanz zu wahren. Ein Missbrauch auf beiden Seiten ist natürlich nie ganz auszuschließen. Als für Betreuende sehr hilfreich haben sich spezielle Formen der Supervision herausgestellt.

Stellt Biografiearbeit eine Art Therapie dar? RIEKE: Nein. Wenn man etwas aufdeckt, zum Beispiel alte Wunden oder erfolgreiche Verdrängungen, dann müssten sie jemanden haben, der damit therapeutisch vertraut ist. Dies ist in der täglichen Pflege nicht leistbar und auch ausbildungstechnisch nicht möglich. Es ist nicht Aufgabe des Betreuers, eine Therapie anzubieten. Stellt er eine Notwendigkeit fest, ist es seine Aufgabe, eine solche Therapie auf den Weg zu bringen.

Wie kann Biografiearbeit speziell bei dementiellen Erkrankungen erfolgreich sein? RIEKE: Hier würde ich immer den Rat geben wollen, dass man den normativen Erlebnismoment herannimmt: Wann sind sie in die Schule gekommen? Wann sie geheiratet haben? Solche Schlüsselmomente sollten angesprochen und ausgedehnt werden. Man ist überrascht, wie man über die positiv besetzten Lebensinhalte auf die Fülle an Erinnerungen der Patienten zugreifen kann. Das sogenannte Altgedächtnis ist dabei erheblich stabiler als das Kurzzeitgedächtnis. Allerdings kann dies erfahrungsgemäß tagesabhängig schwanken. Letztlich ist man überrascht, wie viele Erlebnisse der Demenzerkrankten wieder auftauchen. Biografiearbeit lohnt sich – in allen Konstellationen.

Dieses Interview ist erschienen im MITEINANDER, Ausgabe Herbst, 04.2016 (zum Heft).

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